von Gastautorin Tina Wöhrl

Tina Wöhrl ist seit 1996 live hinter der Bar der »Wotufa« zu erleben:

Es kommt ja bekanntlich auf die inneren Werte an. Was sich drinnen dem Publikum eröffnet, hat unweigerlich Charme. »Wotufa« – das ist die Abkürzung für Wolltuchfabrik, die hier bis zur »Wende« Decken produzierte und zuvor unter Tuchfabrik August Zenker firmierte. Vielleicht liegt ja genau solch eine Wolldecke auf eurem Sofa! An die Wolltuchfabrik erinnert ein riesiges Wandbild von Hans Krämer, das die Geschichte der regionalen Wolltuchindustrie zeigt.

Das Tuchmacherhandwerk prägt die Stadt seit dem 13. Jahrhundert. Im Jahr 1852 treibt Neustadts erste Dampfmaschine in der Tuchfabrik Küntzel mechanische Webstühle an. Die Stadt wird industrialisiert. Innerhalb des Folgejahrzehnts kommen die Telegrafenstation, eine Straßenbeleuchtung und 1871, der Anschluss an die Eisenbahn hinzu. 1882 eröffnet das Kaiserliche Postamt und 1884 führt die Lederfabrik Richard Krahner die elektrische Beleuchtung ein. Kurz vor der Jahrhundertwende wird die Tuchmacherinnung aufgelöst und in Neustadt/Orla gibt es sieben große Tuchfabriken, 22 große Lederfabriken, 15 kleine Lederfabriken und zwei Kratzenfabriken. Letztere rauen Gewebe wie Biber oder Molton auf. 1913 streiken die hiesigen Textilarbeiter für eine 58-Stunden-Woche und eine zehnprozentige Lohnerhöhung. 1948 werden in der sowjetischen Besatzungszone viele Betriebe verstaatlicht.

Die Kantine des VEB Woll- und Tuchfabrik dient heute als Kultursaal. Hier finden urige Blueskonzerte, Punk- und Metalevents, Liedermacherauftritte, Electro-Veranstaltungen und auch der Neustädter Fasching statt. Genau dieses breite Repertoire ist auch das Erfolgsrezept. Bereits seid 1996 ist Dirk Pasold der Pächter des Saals. Es ist viel Arbeit, das Objekt am Laufen zu halten, möchte er doch Kultur in die Provinz bringen. Seit seiner Jugend organisiert Pasold Live-Konzerte. Als er vor über 20 Jahren den Saal zur Pacht angeboten bekam, war es der unsichere Schritt in die Selbstständigkeit, aber auch die Erfüllung eines Traums.

Seitdem gab es hier unzählige Konzerte, finden Bands eine Bühne für ihre Kunst, für ihre »Message« und die Zuschauer fühlen sich gut unterhalten. Gäste, die es in der Nacht nicht mehr nach Hause schaffen, bekommen am Morgen oft noch Frühstück. Es ist gerade das nicht so Exakte, eben das Urige, das die »Wotufa« ausmacht.

Gut zu wissen

Wotufa-Saal, Ziegenrücker Straße 6, 07806 Neustadt an der Orla, www.wotufa.de, Tel. +49 (0)171 7457815. Öffnungszeiten und Veranstaltungskalender siehe Webseite. Anreise: Bahnhof Neustadt (Orla), Regionalbahn (Erfurter Bahn). Weiter 13 Min. zu Fuß.

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Von der VEB-Kantine zum Kulturort – »Wotufa« in Neustadt an der Orla 50.732045, 11.745367 Ziegenrücker Straße 6, 07806 Neustadt/Orla (Routenplaner)