Mitten in Bad Tennstedt steht ein übergroßer Zahnputzbecher. Zwei Zahnbüsten – eine weiße und eine blaue – ragen in den Himmel. Was bewegt ein Städtchen wie Bad Tennstedt, sich solch ein Denkmal zu setzen? Ein Gespräch mit dem Kultur- und Heimatverein bringt uns auf die Spur hin zu einem Beitrag eines Bürgers der Stadt zum frühen Gesundheitswesen – Christoph Hellwig.

Seit dem späten Mittelalter gab es von den Stadträten berufene Stadtärzte, auch Stadtphysicus genannt. Genau genommen waren sie ein Vorläufer des heutigen Gesundheitsamtes. Ein Stadtphysicus hatte ein Auge auf die allgemeine Stadthygiene zu werfen. Die Untersuchung von Prosituierten und Bettlern gehörte ebenso dazu wie die Kontrolle der Fleischerbänke. In Seuchenzeiten musste er zudem vorbeugende Maßnahmen ergreifen und die Bevölkerung bezüglich der notwenigen Hygiene aufklären.

Von 1696 bis 1712 machte Christoph Hellwig in dieser Rolle in Tennstedt seine Runden und kontrollierte in jeder Straße, ob die damals noch offenen Kanäle frei von Unrat waren und besuchte die Apotheker, Bader und Hebammen der Stadt und der Dörfer in der Umgebung. Der studierte Arzt aus dem thüringischen Kölleda war ein besonders umtriebiger Charakter. Unter Pseudonymen wie Valentin Kräutermann oder Constans Alitophilus Hertzberger veröffentlichte er viele medizinische Artikel. Es war dabei sein Anliegen, vom Normalbürger verstanden zu werden. Er verfasste seine Artikel nicht wie damals üblich in Latein, sondern in Deutsch. So auch die Abhandlung zum Gebrauch einer Zahnbürste in der Zeitschrift »Frauenzimmer Apotheke«. Damit erreichte er die Frauen des Bürgertums und hatte durchschlagenden Erfolg: Durch ihn wurde die Zahnbürste in vielen Bevölkerungsschichten bekannt und ersetzte schnell den bisher praktizierten Gebrauch von Sägespänen oder Lappen.

Christoph Hellwig hatte neben seiner Tätigkeit als Stadtphysicus auch einen Versandhandel für Tinkturen und andere medizinische Anwendungen aufgebaut. Viele Materialien dafür musste er aus Erfurt beziehen und so gab er seine Anstellung als Stadtarzt 1712 zugunsten des florierenden Versandhandels auf und siedelte nach Erfurt um.

Aus Tennstedt ist inzwischen die Kurstadt Bad Tennstedt geworden und die übergroßen Zahnbürsten erinnern die Kurgäste auf ihren Spaziergängen daran, dass Gesundheitsvorsorge nicht immer selbstverständlich war.

Gut zu wissen

Zur Geschichte der Stadt Tennstedt gibt es im Haus des Gastes kostenfreie Informationsbroschüren zur Ortsgeschichte: Kurstraße 10, 99955 Bad Tennstedt, Tel. +49 (0) 36041 57076. Öffnungszeiten: Ab 10 Uhr, sonntags ab 14 Uhr. Anreise: Haltestelle ZOB Bad Tennstedt, Bus (Linien 732, 735b, 739, 740).

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Unterwegs auf den Spuren der Zahnbürste in Bad Tennstedt 51.155306, 10.839738 Kurstraße 10, 99955 Bad Tennstedt (Routenplaner)