von Gastautor Dieter Reichhold

Der Autor ist als ehrenamtlicher Gedenkstättenbegleiter in Grafeneck tätig:

Auch das gehört zur Geschichte der Schwäbischen Alb-Bahn: Zwischen Januar und Dezember 1940 wurden auf dem Gelände von Schloss Grafeneck 10.654 Menschen ermordet. Bei den Opfern handelte es sich mehrheitlich um Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung. Als so genannte »Ballastexistenzen« galten sie nach den Maßstäben der Nationalsozialisten als »lebensunwert«. Auf das ursprünglich herzogliche Barockschloss Grafeneck unweit des Bahnhofs Marbach fiel die Wahl, weil es abseits größerer Siedlungen lag und relativ leicht abschirmbar war. Schreibtischtäter entschieden über Leben und Tod, die gefürchteten »Grauen Busse« brachten die Menschen nach Grafeneck, wo sie vergast wurden. Die Täter waren immer bestrebt, auch den Massenmord effizient zu planen und durchzuführen.

Nachdem ab 1982 bis 1990 in zunächst kleinen Schritten eine Gedenkstätte entstanden war, begann die professionelle Aufarbeitung. Seit 2005 ist das Dokumentationszentrum zugänglich. Hier können sich Besucher über die so genannte »NS-Euthanasie« informieren. Obwohl die Dokumentation professionell sachlich gestaltet ist, lässt sie das menschliche Leid der Getöteten und ihrer Familien erahnen. Besonders viel Raum für die Erinnerung bietet die Gedenkstätte beim Friedhof, dessen wichtigstes Element das »Namensbuch« ist. Rund 9.600 Namen von hier Getöteten sind schon zusammen getragen – der Versuch, den lange Zeit unbekannten Opfern wenigstens ihre Identität zurück zu geben.

Besucher mit wenig Zeit steigen am Haltepunkt Grafeneck aus dem Zug der Schwäbischen Alb-Bahn, gehen bergauf den Wegweisern folgend zum Schloss Grafeneck, zur Dokumentation und dann weiter zur Gedenkstätte. Von dort treten sie den Rückweg zum Haltepunkt Grafeneck an. Wer mehr Zeit mitbringt verlässt den Zug ebenfalls am Haltepunkt Grafeneck und wandert nach Besuch von Schloss, Dokumentation und Gedenkstätte weiter über die Fauserhöhe (Gehöft) auf einem fünf Kilometer langen autofreien befestigten Weg nach Münsingen, wo man im gemütlichen Bahnhofsbistro auf die Abfahrt der nächsten Züge warten kann. Ein Besuch in Grafeneck lässt sich auch übrigens auch gut mit einem Besuch im Haupt- und Landgestüt Marbach verbinden, die Weiterfahrt erfolgt dann ab Bahnhof Marbach.

Gut zu wissen

Gedenkstätte Grafeneck – Dokumentationszentrum, Grafeneck 3, 72532 Gomadingen, www.gedenkstaette-grafeneck.de, Tel. +49 (0) 7385 966206. Öffnungszeiten des Dokumentationszentrums: ganzjährig tägl. 9 bis 18 Uhr. Anreise: Haltestelle Grafeneck, Schwäbischen Alb-Bahn.

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Auf den Spuren der »Euthanasie« in Schloss Grafeneck 48.394330, 9.431218 Grafeneck 3, 72532, Gomadingen, Deutschland (Routenplaner)