von Gastautor Markus Speidel

Der Kulturanthropologe ist Fachabteilungsleiter für Volkskunde des Landesmuseum Württemberg und Leiter des Museum der Alltagskultur:

Warum der Alltag ein Museum braucht? Das ist eigentlich ganz einfach zu erklären: Weil Geschichte und Kultur für die meisten Menschen über Alltagsgegenstände viel besser erfahrbar ist als über »klassische« Ausstellungen, die ja in vielen Fällen vor allem das Leben der Reichen und Mächtigen widerspiegeln und mit der Lebenswirklichkeit der Besucher kaum etwas zu tun haben. Über die Inszenierung des Alltages einfacher Menschen über Zeiträume hinweg schaffen wir einen leichteren Zugang zum Leben vorhergehender Generationen. Denn auch wenn deren Existenz vielleicht schon fünfzig, hundert oder auch hundertfünfzig Jahre zurückliegt, scheint vieles doch sehr nah dran an unserer heutigen Alltagsrealität. Vieles ist natürlich mit der Zeit einfacher, manches aber durchaus auch komplizierter geworden.

Unsere Ausstellungen tragen auch den veränderten Sehgewohnheiten der heutigen Zeit Rechnung: Wo man früher lange Texttafeln gelesen hat, funktioniert heute fast alles rein assoziativ. In den »Zeitsprüngen« sind Objekte von früher und heute gegenübergestellt, die dasselbe repräsentieren, aber doch ganz unterschiedlich sind. Was früher zum Beispiel das Bild mit dem röhrenden Hirsch im Schlafzimmer war, wird heute durch die kleine blaue Viagra-Pille widergespiegelt. In den »Wohnwelten« werden grundlegende Wohnbedürfnisse – wie Licht, Wärme oder Sauberkeit – erlebbar. Beim Thema Schutz und Sicherheit im Haus findet sich hier neben physischen Barrieren auch die metaphysische Ebene verschiedener Kulturen – vom Traumfänger über den jüdischen Türsegen Mesusa bis zum katholischen Haussegen.

Überhaupt ist die Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Leben eine schöne Form der interkulturellen Kommunikation. Denn beim Thema Wohnen ist ja jeder Experte, völlig unabhängig vom Lebensstil oder Herkunftsland. Über Ähnlichkeiten und Unterschiede des Alltages kommen Besucher aus unterschiedlichen Ländern schnell in einen Austausch. Beim Wohnen gibt es keine »richtige« oder »falsche« Meinung, sondern lediglich eine große Vielfalt an Gewohnheiten und unterschiedlichen Realitäten. In diesem Sinne würden wir die »Zeitsprünge« in Zukunft gern zu »Kultursprüngen« weiterentwickeln.

Gut zu wissen

Museum der Alltagskultur, Kirchgasse 3, 71111 Waldenbuch, www.museum-der-alltagskultur.de, +49 (0)7157 8204, Öffnungszeiten: Di. – Sa. 10 bis 17 Uhr, So. und Feiertage 10 bis 18 Uhr. Führungen können über die Telefonnummer: +49 (0)711 89535111 gebucht werden. Anreise: Haltestelle Waldenbuch Postamt, Bus (Linien 86, 760, 826, 828).

Karte wird geladen - bitte warten...

Vom röhrenden Hirsch zur blauen Pille – Museum der Alltagskultur Schloss Waldenbuch 48.637490, 9.132200 Kirchgasse 3, 71111, Waldenbuch, Deutschland (Routenplaner)