Lost Places, also vom Menschen verlassene, ehemals bewohnte oder genutzte Gebiete, erfreuen sich einer steigenden Beliebtheit. Angezogen vom Charme des Verfallens und der Leere, strahlen solche Orte etwas Magisches, Ruhiges und Mysteriöses aus, auch auf mich.

Vor den Toren Spandaus, im havelländischen Elstal liegt ein besonderer Lost Place: Das Olympische Dorf von 1936. Erbaut wurde es einst innerhalb von zwei Jahren und bot schließlich Platz für rund 4.000 männliche Athleten aus der ganzen Welt. Bekanntermaßen nutzten die Nationalsozialisten die XI. Olympischen Sommerspiele für ihre Propagandazwecke. Der Welt sollte ein modernes und weltoffenes Drittes Reich präsentiert werden. Über den bereits herrschenden aggressiven Rassismus und Antisemitismus im diktatorischen Hitler-Regime konnte das freilich nicht hinweg täuschen. Wie wütend muss Hitler gewesen sein, als die afro-amerikanische Olympia-Legende Jesse Owens gleich vier Goldmedaillen holte. In dem Haus, in dem Jesse Owens einst untergebracht war, befindet sich heute eine ihm gewidmete Ausstellung.

Auf dem weitläufigen Gelände liegen weitere architektonisch interessante Gebäude, wie das Speisehaus der Nationen im Bauhaus-Stil, die Schwimmhalle oder das Hindenburg-Haus. Darin finden sich auch Relikte der sowjetischen Nutzung, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einsetzte und bis Anfang der 1990er Jahre andauerte. An der Stirnseite eines Kinosaals erhebt sich über den Betrachter der Revolutionsführer Lenin, der in typisch sowjetischer Propagandapose mit ausgestrecktem Arm in Richtung „Fortschritt“ weist. Die Sowjets ergänzten das Olympische Dorf auch um einige Neubaublöcke, die nun komplett entkernt als Plattenbaugerippe in der Landschaft stehen. Hier erinnert der Ort ein wenig an die ukrainische Geisterstadt Prypjat bei Tschernobyl. Auch hier wirken die für viele Hundert Bewohner gebauten, leerstehenden Wohnblöcke auf mich verstörend und seltsam anziehend zugleich. Während viele andere Lost Places quasi naturgemäß dem Verfall preisgegeben sind, ist dieser im Olympischen Dorf gestoppt. Das denkmalgeschützte Areal wird von einer Stiftung erhalten. Wie sich das auf die Atmosphäre vor Ort auswirkt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Gut zu wissen

Olympisches Dorf 1936, Rosa-Luxemburg-Allee 70, 14641 Wustermark / OT Elstal, www.dkb-stiftung.de, Tel. +49 (0)33094 700 565. Öffnungszeiten: 1. April bis 31. Oktober, Mo. – Fr.: 10 bis 16 Uhr, Sa., So., Feiertags bis 18 Uhr. Anreise: RE4 bis Elstal, vom Bahnhof entweder 1,5 km Fußweg oder mit den Buslinien 663, 667 bis Eulenspiegelsiedlung.

Führungen zur sowjetischen Geschichte in Berlin und Umland können bei »Berlins Taiga« gebucht werden.

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Olympische Geisterstadt Elstal vor den Toren Berlins 52.539560, 13.012430 Rosa-Luxemburg-Allee 70, 14641, Wustermark, Deutschland (Routenplaner)

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