»Jeder nimmt die Welt anders wahr.« Was dieser Satz bedeutet, kann man ganz besonders in der Grenzregion zwischen Polen und Deutschland erfahren. Speziell entlang des geschichtsträchtigen Abschnitts des Oder-Neiße-Radwegs zwischen Kostrzyn (Küstrin) und Hohenwutzen auf der polnischen Seite der Oder. Die Strecke bietet außerdem landschaftlich eine schöne Abwechslung zum Oderbruch und erlaubt gleichzeitig den Blick von außen — auf das Oderbruch.

Hier tobte im Jahr 1945 eine der letzten Schlachten vor der Kapitulation. Von den Seelower Höhen auf der deutschen Seite wurde immer wieder das Vorrücken der Russischen Armee über die Ebene des Oderbruchs Richtung Berlin erschwert. Die Zeichen sind bis heute sichtbar: Als ich in der Nähe von Kostrzyn einen alten Gutshof besichtigte, sah man noch immer tiefe Einschusslöcher auf der Westseite des schönen Gebäudes. Naiv fragte ich die alten Gutsleute, ob dies die Gewehre der Russen gewesen seien. »Nein«, so die Antwort, das seien die Deutschen gewesen, die auf dem Rückzug auf die russischen Soldaten geschossen hätten. Sie, die Bäuerin, habe als kleines Mädchen auf der Flucht aus dem Haus auf dem Pferdewagen sitzen müssen, unter dem die deutschen Soldaten versteckt gewesen waren.

Auf der anderen Seite der Oder schlug dann die polnische Armee den westlichsten Grenzpfahl des Landes ein — ein »lang ersehntes Ereignis«, wie sich auf diversen Gedenktafeln lesen lässt. Geschichte musste neu erfunden werden für dieses neue Stück Westpolen. Nicht nur Inschriften von Gedenktafeln helfen dabei. Auch im Museum von Siekierki (Zäckerick) werden diese letzten Tage sichtbar durch die Flak-Stellungen oben am Hang. Vieles ist in Polnisch geschrieben. Die Sprachbarriere verhindert den leichten Austausch mit den Menschen vor Ort. Aber eines wird mir deutlich: Das ist eine Sichtweise von Menschen, die den Krieg gewonnen und gleichzeitig sehr viel verloren haben. Nicht nur die weißen Holzkreuze neben der Kirche zeugen davon.

Aber nicht nur in die Geschichte des 20. Jahrhunderts bekommt man auf diesem Streckenabschnitt einen Einblick. Im 12. Jahrhundert war diese Region, die Neumark, ein »wüstes Land«, das es aus Sicht der Herrschenden im Westen durch Siedlungen zu befrieden galt. So hat man Land an die Templer verteilt. Wer ihnen einen Besuch abstatten will, der kann in Namyslin (Neumühl) einen Abstecher nach Chwarszcany (Quartschen) machen, hin und zurück 15 Kilometer, und die dortige Kirche der Templer besichtigen.

Gut zu wissen

In Küstrin-Kietz die Abzweigung rechts über die Brücke nach Küstrin nehmen. Vorbei an der Festung, die Hauptstraße entlang zum Kreisverkehr mitten in Kostrzyn. Dort links Richtung Drzewice abbiegen, weiter nach Szumiłowo (beides Vororte von Kostrzyn). Über kleine Landstraßen geht es weiter nach Kaleńsko (Kalenzig), Namyślin (Neumühl), Kłosów (Klossow) und Czelin (Zellin) entlang der Oder zur Brücke in Hohenwutzen.

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Durch Dünen und Denkmäler – die Oder auf der polnischen Seite 52.736700, 14.382600 Czelin, Polen (Routenplaner)