Während meiner Kindheit in der DDR war der Besuch am Fučíkplatz – heute Straßburger Platz – gleichbedeutend für einen Besuch im nahegelegenen Zoo und die Fahrt mit der Pioniereisenbahn durch den Großen Garten. Über den Namensgeber des Platzes hatte ich mir nie Gedanken gemacht. »Fučík« klang irgendwie exotisch, der Klang passte gut zum Dresdner Dialekt und der Name war nicht so omnipräsent wie Ernst Thälmann oder Karl Marx.

Sonst eher schnell beim Umbenennen der »sozialistischen« Ortsbezeichnungen und beim Hervorkramen der alten Dresdner Straßennamen, halten viele ältere Einwohner bis heute dem Namen Fučíkplatz die Treue. Doch wer war der Mann, nach dem der Platz bis 1991 benannt war?

Julius Fučík war ein Schriftsteller und Kommunist aus Prag. Seine »Reportage unter dem Strang geschrieben« ist das bis heute am häufigsten – insgesamt in 90 Sprachen – übersetzte tschechische Werk. In diesem schreibt er über seine Gedanken und Erlebnisse in einem Prager Gefängnis nach seiner Verhaftung 1942, berichtet von Verhören und Folterungen durch die deutsche Gestapo. Zwei tschechische Wachmänner schmuggelten die Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. So konnten sie nach dem Krieg veröffentlicht werden. Weil Fučík in der Widerstandsbewegung der tschechischen Kommunisten aktiv war, wurde er 1943 von den Nationalsozialisten wegen Hochverrats verurteilt und in Berlin-Plötzensee ermordet.

1951 benannte man den Verkehrsknotenpunkt Stübelplatz am Rande der Dresdner Altstadt in Fučíkplatz um. Zum 20. Todestag des Schriftstellers am 8. September 1963 wurde das Julius-Fučík-Denkmal aufgestellt. Sechs Jahre später eröffnete gegenüber am Rande des Großen Gartens das Ausstellungszentrum Fučíkplatz, in dem Industrieschauen, Kongresse und Kunstausstellungen stattfanden.

1999 wurden die Hallen abgerissen. Heute steht am Straßburger Platz gegenüber dem »kommunistischen« Denkmal für Fučík die »kapitalistische« Gläserne Manufaktur des VW-Konzerns. Hier werden keine Autos mehr gebaut. Das Gebäude ist seit 2016 wieder ein Ort für Ausstellungen, in diesem Fall für Elektromobilität und Digitalisierung. Die Pioniereisenbahn – heute Parkeisenbahn – ist geblieben. Mit ihr fahre ich weiterhin zum Dresdner Zoo, manchmal zusammen mit meinem Vater, der jetzt Großvater ist und immer noch »Fučíkplatz« zum Straßburger Platz sagt.

Gut zu wissen

Julius-Fučík-Denkmal am Straßburger Platz, 01069 Dresden. Die Inschrift »Menschen, ich hatte euch lieb, seid wachsam.« ist ein Zitat aus dem oben erwähnten Buch. 1991 wurde der Fučíkplatz in Straßburger Platz umbenannt. Straßburg ist die französische Partnerstadt von Dresden. Anreise: Haltestelle Straßburger Platz, Straßenbahn (Linien 1, 2, 4, 10, 12, 13).

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Tschechisch-deutsche Geschichte am Rande des Großen Gartens 51.046325, 13.755462 Straßburger Platz, 01069, Dresden (Routenplaner)

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