»Dieses Haus ist in die Welt gegangen, um die Welt zu sehen und von der Welt gesehen zu werden« – Der poetische Name des Hausnachbaus aus Tuvalu steht sinnbildlich für alle Objekte in der Ozeanien-Abteilung. Mit dieser hat das Grassi Museum für Völkerkunde seine Anziehungskraft noch einmal erhöht, das ohnehin Perle der unterentwickelten Museumslandschaft ist. Wo das Naturkundemuseum bisher stiefmütterlich behandelt wird und neben materiellen Details zur Stadtgeschichte im Alten Rathaus nichts Faszinierendes zu finden ist, sticht die mit Ozeanien komplettierte Dauerausstellung »Rundgänge in einer Welt« heraus.

Im zweietagigen Rundgang, wo man die Reichhaltigkeit der globalen Kulturen ausschnitthaft begehen kann, wird für mich das Lessing-Wort von Leipzig, »wo man die ganze Welt im Kleinen sehen kann«, lebendig. In Ostasien beginnend, durchstreift man dann den Kulturraum der Mongolen, überquert per Ruderboot den Euphrat, um in Afrika den frühesten Spuren der Menschheit zu folgen und lernt zwischen den Reitsporen der Feuerländer und Inuit-Anoraks aus Alaska amerikanische Kulturen kennen. Die pazifische Inselwelt bildet den Schlussstein. Hier zeigen die Totemtiere die bis heute enge Verbundenheit der Alt-Australier mit der mythischen Traumzeit. Das Federgeld der Santa-Cruz-Inseln beeindruckt als Spielart des Handels. Die Vielfalt der Objekte, die erzählen, wie Menschen ihr Leben bewältigen, finde ich enorm und aufgrund der ansprechenden Präsentation auch auf Dauer nicht langweilig.

Vom tradierten Namen »Völkerkunde« abgesehen, zu sehr verweist er auf das Interesse am »Primitiven«, zeichnet sich die Schau durch Sensibilität aus. Das ist neben der Materialfülle die Stärke der Konzeption: Sie frönt keinem exotischen Blick, der am Kuriosen seine Neugier stillt, andere Kulturen aber nicht als gleichrangig anerkennt. Dunkle Aspekte wie das Leid der Aborigines werden ebenso wenig verschwiegen wie die Verquickung von Wissenschaft und Kommerz: Teile der Sammlung wurden einst von Händlern zusammengetragen. Beim ersten Besuch habe ich gar nicht alles erfassen können, war von der Ausstellung aber auch beim Wiederkommen fasziniert. Was jetzt noch fehlt, wäre eine europäische Abteilung. Das obliegt natürlich historischen Museen.

Gut zu wissen

Grassi Museum für Völkerkunde, Johannisplatz 5 – 11, 04103 Leipzig, www.mvl-grassimuseum.de. Öffnungszeiten: Di. – So. 10 bis 18 Uhr. Anreise: Haltestelle Johannisplatz (Linien 4, 7, 12, 15).

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»Rundgänge in einer Welt« im Grassi Museum für Völkerkunde 51.337127, 12.387857 Johannisplatz 11, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)