Der Putz bröckelt von der Decke. Klappstühle stehen auf Linoleumfußboden. Von der großen Orgel ist nur der Prospekt geblieben. Nein, perfekt ist sie nicht, die Peterskirche in der Leipziger Südvorstadt. Vielleicht ist sie gerade deshalb mein Höhepunkt unter den Kirchengebäuden Leipzigs. Weil meine Gedanken die 25 Meter zum Deckengewölbe hochfliegen und den Putz flicken. Weil die Stühle den Eindruck erwecken, dass Bewegung in den großen Raum kommen kann, der nicht durch Bänke eingeteilt wird. Weil man durch den Orgelprospekt am Westportal das wundervolle Rosettenfenster mit dem Harfe spielenden König David in der Mitte erahnen kann. Wie als würden von dort die Musizierenden der Ewigkeit auf die Betrachter herabblicken. Seit langem gehe ich nun schon regelmäßig sonntags in dieses Gotteshaus und noch immer überwältigt mich der weite Raum: Zwischen den tragenden Säulen des neogotischen Bauwerkes liegen 17 Meter, die Gesamtlänge beträgt fast 60 Meter.

In diesem Raum sammelt sich Geschichte. Die farbenprächtigen Buntglasfenster sind ein Zeugnis der einstigen Finanzkraft, die zur Weihe der Kirche 1885 in der fast 50.000 Mitglieder starken Gemeinde steckte. Graue Flächen heute erinnern an den Bombenangriff 1943, nicht alles konnte wieder rekonstruiert werden. Zeichen der ehemaligen SED-Diktatur ist, neben dem Verfall der Kirche, auch die Jahn-Orgel vorne links. Sie wurde 1968 aus der Universitätskirche gerettet, bevor diese in die Luft gesprengt wurde. Zu dem ungewöhnlichen Eindruck des Kirchenraumes gehören die Tafelbilder links und rechts des Chorraumes. Auch sie machen den Raum für mich so einzigartig und sehenswert. Das Werk wurde 1994 von Mario Lobedan geschaffen. Die abgebildeten Personen bleiben in ihren Gestalten unklar, verschwommen: »Noli me tangere« – »Rühre mich nicht an« (Joh. 20,17) lautet das Bibelzitat unter dem die Bilder entstanden sind.

Einen Kontrast bildet die Taufkapelle, die an der Südseite des Kirchenschiffes anschließt. Der frisch renovierte, kleine Raum strahlt von der bunten Bemalung seiner Wände, die von einer Kuppel aus Sternenhimmel überspannt sind. Ob die Taufkapelle ein Blick in die Zukunft der Peterskirche ist? Ich hoffe nicht. Denn sind wir mal ehrlich: Was sonst als ein gebrochener, unregelmäßiger und doch in sich harmonischer Raum könnte Kirche und das Sein vor Gott besser fassen?

Gut zu wissen

Peterskirche, Schletterstraße 5, 04107 Leipzig, Information zu Gottesdiensten und Veranstaltungen: www.peterskirche-leipzig.de. Kirchenführung mit Turmbesteigung: Der Blick auf die Stadt ist grandios und man kann in die Abstellkammern der Kirche sehen. Anreise: Haltestelle Hohe Straße, Straßenbahn (Linien 10, 11).

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Die Peterskirche 51.330598, 12.375991 Schletterstraße 5, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)