Durch sieben große Buntglasfenster fällt das Licht durch die Südseite der Thomaskirche hindurch in den Innenraum hinein. Neben Motiven wie Luther, Bach und Mendelssohn finden sich hier auch Kaiser Wilhelm I. und ein 2009 entstandenes »Friedensfenster«. Ein genauerer Blick lohnt und bringt einige spannende Wendungen der Leipziger und der deutschen Geschichte zum Vorschein.

Anlass für die Entstehung der ersten Bilder war die neugotische Sanierung der Kirche 1885-89, in deren Folge man plante, die gesamte Kirche mit Buntglasfenstern auszustatten. Auf der Südseite waren zunächst fünf Fenster vorgesehen. Der Reformator Luther in der Mitte, eingerahmt von den Kirchenmusikern Bach und Mendelssohn, wiederum eingerahmt von den politischen Führern Gustav Adolf und Kaiser-Wilhelm I. Doch gegen dieses Konzept regten sich Widerstände. Der antisemitisch agierende »Deutsche Reform-Verein« machte Bedenken gegen den »Juden« Mendelssohn deutlich und hatte damit so viel Erfolg, dass das Fenster zunächst nicht gebaut wurde und die Stelle leer blieb. Erst nach der Friedlichen Revolution 1989/90 gab es ein Engagement aus der Bürgerschaft und schließlich konnte das Mendelssohn-Fenster 1997 eingeweiht werden.

Und noch eine zweite Geschichte lässt sich beim Betrachten der Bilder erschließen und mag für uns auch heute relevant sein. Nach dem ersten Weltkrieg hatte Leipzig viele Opfer zu beklagen. In der Bürgerschaft wuchs der Wunsch, diesen zu gedenken. So entstand 1929 das Kriegergedächtnisfenster, welches auf der äußersten linken Seite in die Fensterreihe integriert wurde.

Im Vorfeld des Jubiläums 20 Jahre Friedliche Revolution gab es dann den Wunsch, das Gedenken an den friedlichen Aufbruch der Menschen in Leipzig und der damaligen DDR auch mit einem Fenster zu würdigen. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das von dem Leipziger Künstler David Schnell entworfene Fenster bricht bewusst mit der Ästhetik der bisherigen Bilder. Fernab von allen Klischees gelingt es ihm, mit seiner Formsprache einen dynamischen Raum zu schaffen, der den Betrachter in seinen Bann ziehen kann und so angemessen an die hoffnungsgebenden Ereignisse von 1989/90 erinnert. Kaiser Wilhelm I. sieht daneben ziemlich alt aus.

Gut zu wissen

Thomaskirche, Thomaskirchhof 18, 04109 Leipzig, www.thomaskirche.org. Öffnungszeiten: Tägl. 9 bis 18 Uhr. In der Kirche befindet sich die letzte Ruhestätte von Johann Sebastian Bach. Anreise: Haltestelle Thomaskirche, Straßenbahn (Linie 9).

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Krieg und Frieden in der Thomaskirche 51.339473, 12.372681 Thomaskirche, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)