Jener »Marktplatz Europas«, als der es zu Goethes Zeiten galt, ist Leipzig nicht mehr. Zur Buchmesse kommen noch die meisten auswärtigen Gäste in die Stadt und mit der Petersstraße liegt hier die beliebteste Einkaufsmeile Ostdeutschlands. Warum auch immer, denn jene großen Ketten, die man in jeder europäischen Großstadt sieht, haben sich auch hier angesiedelt. Attraktiv ist immer das Besondere: Hier vermisst man es zunehmend.

Das ist in den vielen innerstädtischen Passagen noch anders, wo der individuelle Einzelhandel noch blüht – etwa die Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Specks Hof, wohin mich eine ganze Etage mit englischsprachiger Literatur regelmäßig zieht. Vor dem Alten Rathaus darf es für mich richtig provinziell sein, wenn dienstags und freitags der Wochenmarkt aufgebaut wird. Dann mag man kurz vom Gefühl vergangener Jahrhunderte beschlichen sein, als hier noch das Stadtzentrum und der Ort der Kommunikation lagen. Zwischen Vegetablien aus Pegau oder Kulkwitz, Obst aus der Lommatzscher Pflege und Altenburger Ziegenkäse wird das Schrittmaß zusehends bedächtiger. Man schaut, hält inne, kostet mal hier mal da. Nirgends in der Stadt treffen so viele Umlanddialekte aufeinander.

Bis er in den 1990ern wieder auferstand, wurde hier 1891 das letzte Mal Wochenmarkt abgehalten. Dann übernahm die südlich vom Roßplatz errichtete Zentralmarkthalle die Funktion als Ort von Obst- und Gemüsetändelei. Eine Postkarte hält das Treiben fest: »In der Markthall ist es schön, / wo bei Veilchen und Zwiebeln stehn. / Wo die Düfte weißer Rosen / und von Topfkäs dich umkosen / wo Madame fein im Glanz / stiehlt dem Bauern eine Gans / wo sich Gohliser Bauernweib / Schnurbart dreht zum Zeitvertrieb / wo der Fremde sprachlos höret / wie man sächsisch schimpft und schwöret / hier bei Zwiebel, Obst, Gemüse / denk ich Dein und schick dir Grüße.« Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zerstört. Seit Jahren macht in der Stadt immer mal wieder die Nachricht um einen etwaigen Neubau einer Halle am Leuschnerplatz die Runde. Ob eine Halle Not tut? Immerhin ist der Freilufteinkauf vor dem Rathaus kein Provisorium, sondern hat seinen Reiz und eigenes Tempo, auf das man sich nur einlassen muss.

Gut zu wissen

Wochenmarkt vor dem Alten Rathaus, Markt 1, 04109 Leipzig. Marktzeiten: Di. und Fr. 9 bis 17 Uhr. Anreise: Haltestelle Markt, S-Bahn (Linien S1 – S5).

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Wochenmarkt vor dem Alten Rathaus - Provinzielles mit eigenem Tempo 51.340559, 12.374597 Markt, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)