Die Architektur entlang einer Radroute ist für mich auch immer ein Schnelldurchlauf durch die Geschichte einer Gegend. Und Architektur ist auch immer Geschmacksache. Im Tal der Neiße von der Quelle bis zur deutschen Grenze komme ich immer wieder ans Schwanken: Gefällt mir das, was da an mir vorbei zieht, oder gefällt es mir weniger gut? Muss es mir überhaupt gefallen?

Zunächst verläuft der Radweg durch hügeligen Bergwald, streift Jablonec nad Nisou und Liberec nur am Rande. In der Fernsicht hat man einen Blick auf den Ještěd (Jeschken), den Hausberg von Liberec, und weit hin bis zum Isergebirge. Im weiteren Verlauf sieht man die in den Bergtälern eingebetteten Städte, bekommt aber auch den Eindruck, dass hier baulich alles ziemlich vollgepackt ist. Liberec ist ein industrielles Zentrum in der Region.

Dann findet man aber doch traditionelle Architekturelemente: Zwischen Jablonec und Liberec kommt man über einen teilweise stark hügeligen Weg durch kleine Ortschaften mit vereinzelten, für diese Region typischen Umgebindehäusern aus Blockbau, Fachwerk und massivem Mauerwerk. Besonders Rádlo hat hier einiges zu bieten und entschädigt für das steile Auf und Ab. Faszinierend an der Bauweise ist, wie sich Holzkonstruktion und Mauerwerk ineinander fügen. Die meisten Umgebindehäuser haben einen gemauerten halben Teil im unteren Bereich und einen mit bogenförmigen Holzkonstruktionen abgestützten »Stubenkörper«, der die trockenen und wärmeren Wohnräume beherbergt.

An den Umgebindehäusern zeigt sich, wie verschiedene Volksgruppen im Laufe der Zeit ihr Können zusammengelegt haben. Die slawische Bevölkerung kannte eher die Blockbauweise (Schrotholzhäuser), die deutschen Siedler in der Region brachten das holzsparende Fachwerk der Germanen mit. Über die Jahrhunderte entwickelten die Handwerker dann das »Umgebinde« als eigene Bauweise. Interessant im weiteren Verlauf des Oder-Neiße-Radwegs: In den von Sorben besiedelten Gebieten ab Kloster St. Marienthal findet man dann vorwiegend die Schrot­holzhäuser.

Ab Liberec folgt der Radweg dann immer direkt der Neiße. Neben kleinen Ortschaften im Neißetal erzählt die Architektur entlang des Weges auch von einer teilweise vergangenen Industrie­geschichte: Imposante Industriebauten im Jugendstil bröckeln vor sich hin. Eindrucksvolle Backsteinhallen, die den Charme des Vergangenen ausstrahlen.

Gut zu wissen

Rádlo liegt im ersten Drittel der Strecke zwischen der Quelle und der deutschen Grenze. Die Häuser liegen direkt am Verlauf des Radwegs. Weitere Umgebindehäuser finden sich im Zittauer Gebirge direkt an der deutsch-tsche­chischen Grenze.

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Architektur im tschechischen Neiße-Tal 50.698452, 15.115759 Rádlo, Tschechische Republik (Routenplaner)