Am liebsten erkunde ich Halle zu Fuß. Mein Spaziergang beginnt auf dem Gelände des Diakoniewerks. Es steht für die sozialen Aufbrüche des Protestantismus der Moderne. In den 1850ern als Großkrankenhaus von Mathilde Tholuck initiiert, dehnte es sich bis zum Zweiten Weltkrieg immer weiter aus und wurde dann prominenter Ort der Kirchenpolitik in der DDR. Nach der Wende wurde von hier das lokale bürgerliche Engagement unterstützt. Ein Ergebnis war unter anderem die Gründung der Freiwilligenagentur Halle.

Bergauf führt die Lafontainestraße zum Rosa-Luxemburg-Platz. Im Norden wird er vom Landesmuseum für Vorgeschichte überragt. Ich habe es als »Knochenmuseum« kennengelernt. Es wurde vor dem Ersten Weltkrieg nach Plänen von Wilhelm Kreis gebaut, der einige Jahre später auch das renommierte Hygienemuseum in Dresden entwarf. Im Landesmuseum ist die mythenumrankte Himmelsscheibe von Nebra untergebracht, ein Beispiel für die Berührung von Ingenieurskunst und Religion. Viele Fragen zu Alltagspraxis und Weltdeutung, die uns auch heute wichtig sind, werden hier am Beispiel von umfangreichen Grabungsfunden dargestellt.

Folgt man der Richard-Wagner-Straße am Museum entlang und überquert die Große Brunnenstraße, befindet sich an der nächsten Kreuzung rechter Hand das Café Ludwig. Heute nennt es sich nach Ludwig dem Springer, dem Erbauer der Wartburg. Der Sage nach hat er sich durch einen Sprung von der hochgelegenen Burg Giebichenstein in die Saale vor der Hinrichtung gerettet. Ein Omen der Rettung brauchte auch der Ort selbst: 2013 war es als erstes Café in diesem Altbauviertel (damals noch unter dem Namen Goldmund) von einer ehemaligen Designstudentin der Kunsthochschule Burg Giebichenstein eröffnet und liebevoll ausgestattet worden. Als dann die Schließung drohte, kam mit einem neuen Besitzer auch ein neuer Name. Heute ist dieses Café ein Ort für Austausch, Experimente und neue Ideen. Das zeigt sich im Ambiente und in den regelmäßigen Konzerten, Verkostungen und Lesungen.

Weiter geht es bis zum Ende der Richard-Wagner-Straße. Halle hat viele Aussichtspunkte, dieser ist einer der schönsten. Ich komme hier immer gerne zum Lesen und zum Entspannen hin und genieße den Blick über das Saaletal, auf Reichardts Garten und auf die Burg Giebichenstein.

Gut zu wissen

Café Ludwig, Eichendorffstraße 20, 06114 Halle (Saale), www.facebook.com/cafeludwig/. Öffnungszeiten: Di. -Fr. 13 bis 22 Uhr, Sa. bis So. 10 bis 22 Uhr. Die Aussichtplattform liegt 40 m links in der Friedenstraße. Anreise Startpunkt Stadtspaziergang: Haltestelle Diakoniewerk, Straßenbahn (Linie 8).