von Gastautor Ramón Seliger

Als Mitarbeiter der Universität Jena kennt Ramón Seliger die versteckten Ecken in den Hinterhöfen der Universitätsgebäude:

Am Fuße des Jentower mitten in der quirrligen Stadt: Glasfassaden und Beton bestimmen das Stadtbild in diesem Teil von Jena. Bis man durch den Torbogen in der Kollegiengasse Nr. 10 läuft. Steintafeln hängen an den Wänden im Durchgang der alten Klosteranlage. Vor dem Besucher eröffnet sich ein ganz anderes Bild der Stadt. Blumenpolster hängen üppig aus massiven Steintrögen, Säulen und Wände sind mit Efeu berankt. In der Mitte plätschert ein Springbrunnen vor einem mächtigen und farbenprächtigen Wappen an der gegenüberliegenden Hauswand. Für mich ist der versteckte Innenhof des Collegium Jenense ein Refugium im Herzen der sonst so geschäftigen Stadt. Hier ist es still, ab und zu läuft jemand durch den Innenhof, manchmal sitzt jemand auf einer der Bänke.

Das große Wappen ist das der Ernestiner und gibt einen Hinweis auf die Bedeutung dieses Ortes: Hier liegt der Ursprung der Universität Jena. Kurz nachdem die Ernestiner von Kaiser Karl V. entmachtet und der Kurfürstenwürde beraubt worden waren und somit auch ihre bisherige Ausbildungsstätte, die Universität zu Wittenberg hergeben mussten, gründeten die Söhne des ehemaligen Kurfürsten 1548 hier eine »Höhere Landesschule« mit Namen Collegium Jenense. 1557 erhielt die Einrichtung die Rechte einer Universität. Nach ihrer Vertreibung aus Torgau hatten die Ernestiner ihre Residenz in Weimar, in der Nachbarstadt Jena sorgten sie für den weiteren Ausbau der Bildung.

Die Gründung der Universität erfolgte nicht ohne Hintergedanken und Weitsicht: Mit der Ausbildung von Theologen nach dem protestantischen Augsburger Bekenntnis sollte die Reformation weiter gefestigt werden. Im 17. Jahrhundert galt die Universität Jena als Ort der protestantischen Orthodoxie – die »harte Lesart« der Lehren Luthers unter Professor Matthias Flacius. Später wurde die Universität ein Ort der Aufklärung und machte einen liberalen Schwenk. Hegel und Fichte sind nur zwei Namen bedeutender Professoren.

Heute ist die Universität die größte Hochschule und die einzige Volluniversität in Thüringen. Die Gebäude des Collegium Jenense beherbergen Teile der medizinischen Fakultät. Von den über 25.000 Studierenden und Mitarbeitern der Universität ist in diesem Innenhof nicht viel zu spüren. Das studentische Leben findet außerhalb des Torbogens statt.

Gut zu wissen

Collegium Jenense, Kollegiengasse 10, 07743 Jena. Besichtigung des Innenhofs ist jederzeit möglich. Anreise: Haltestelle Stadtzentrum / Holzmarkt oder Ernst-Abbe-Platz, Straßenbahn (Linien 5, 33, 35) oder 5 Min. zu Fuß vom Fernbahnhof Jena Paradies.

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Refugium und Hort der Bildung – der Innenhof des Collegium Jenense 50.927763, 11.585043 Kollegiengasse 10, 07743, Jena, Deutschland (Routenplaner)