Wir haben diesen Tipp von einem ehemaligen Bewohner Mühlhausens bekommen. Er führte uns in die Widersprüche der Vergangenheit und der Gegenwart: »Seine weit in die Zukunft reichenden Ideen wurden von den Werktätigen in der Deutschen Demokratischen Republik heute verwirklicht« steht auf dem hohen Stein im halb verwilderten Stadtpark in Görmar, einem Stadtteil von Mühlhausen. Kein Schild weist hierher, die Wege sind verschlungen. Hundebesitzer benutzen sie auf ihren morgendlichen Spaziergängen.

Schließlich stehen wir vor dem Denkmal an der mutmaßlichen Hinrichtungsstätte von Thomas Müntzer, dem Anführer der Bauernaufstände in Mitteldeutschland. Er war zuerst Anhänger und dann Gegner Martin Luthers. Am nördlichen Ende der großen Freifläche oben auf dem Rieseninger Berg steht der Stein mit Blick ins Tal. Er erscheint wie ein Relikt aus einer vergangen Zeit, aufgestellt in der Zeit der DDR und dann im weiteren Verlauf der Geschichte hier oben vergessen. »Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk« (Thomas Müntzer im Jahr 1525) – diese und weitere Aussagen Müntzers machten ihn zu einer willkommenen Identifikationsfigur der sozialistischen Vordenker der DDR. Unzählige Schulen, Straßen und Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) wurden nach ihm benannt. Er bekam auch einen Platz auf dem Fünf-Mark-Schein der Deutschen Demokratischen Republik.

Was ist davon heute übrig geblieben außer vergessenen Steinen in der Landschaft? Unterhält man sich mit den Menschen in Mitteldeutschland, hat fast jeder, der hier zur Zeit der DDR aufgewachsen ist, eine Erinnerung – mal ist es eine Auszeichnung mit dem Namen Thomas Müntzer, mal sind es Fotos von Festumzügen anlässlich des »Sozialrevolutionärs«. Einige reagieren auch unwirsch angesichts der Instrumentalisierung: »Eine frühbürgerliche Revolution – was soll denn das gewesen sein?«

Sicher ist, dass Müntzer mit seinem Handeln reagierte auf die extremen sozialen Missstände im ausgehenden Mittelalter und diesen Kampf zusammen mit tausenden von Bauern verlor gegen die herrschenden Adeligen. Soziale Ungleichheit beschäftigt uns bis heute. Sicher ist aber auch, dass er ein feuriger Quertreiber war und solche Widerborstigkeit wurde in der DDR normalerweise mit Überwachung und Schlimmeren belohnt. Menschen und Staaten betonen vor allem das, was ihnen persönlich nutzt.

Gut zu wissen

Thomas Müntzer Hinrichtungsstätte, Am Rieseninger Berg, 99974 Mühlhausen, GPS-Koordinaten: 10.491246 – 51.205116. Der Park ist vom oberen Ende über die Straße »Am Rieseninger Berg« zu erreichen oder ab der Haltebucht in der Thomas Müntzer Straße am unteren Ende des Parks. Anreise: Regionalbahnhof Mühlhausen, ca. 30 Min. zu Fuß.

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»Die Gewalt dem gemeinen Volke« – Denkmal an der Hinrichtungsstätte von Thomas Müntzer 51.204947, 10.491219 Am Rieseninger Berg, 99974 Mühlhausen/Thüringen (Routenplaner)