von Gastautorin Claudia Langosch

Claudia Langosch ist gebürtige Hallenserin. Sie ist den Franckeschen Stiftungen zu Halle seit ihrer Schulzeit eng verbunden. Als Unternehmerin muss sie viel reisen und ist gerade deshalb in Halle geblieben – in der Mitte Deutschlands und im eng verbundenen Freundeskreis. Für die Stiftungen ist sie als »Herumführerin« tätig:

Im Winter, wenn es früh dunkel wird und die Schüler, Lehrer und Professoren wegen der Kälte schnell von einem Haus zum nächsten hasten, dann kann man sich vorstellen, wie die Leute auf dem Gelände der Schulstadt in Halle vor über 200 Jahren gelebt haben. Das ist heute noch genauso lebendig wie 1698, als die ersten Einrichtungen auf dem Gelände entstanden. Ein ganz besonderer Moment ist für mich, wenn die Sonne an hellen Tagen die Gebäude der Stiftungen streift und die weißen Fassaden buchstäblich anfangen zu gleißen. Francke wollte, dass man nicht erkennt, welchen pädagogischen Zweck die Gebäude erfüllen. Alles sollte je nach Bedarf nutzbar sein – so kam er zum seriellen Bauen. Für mich ist diese Architektur ein Vorläufer der Ideen des Bauhauses. Das damals übliche Fachwerk und die Verzierungen waren für Francke und den von ihm vertretenen Pietismus Ablenkung vom Wesentlichen.

Es gibt besondere Höhepunkte für Besucher auf dem Gelände. Dazu gehören die Wunderkammer und die Kulissenbibliothek. Man hat aber nie den Eindruck, dass diese Orte ein reines Museum sind. Für mich sind sie praktizierte Pädagogik. Da beobachte ich, wie Menschen, die sich mit ihrem Smartphone die ganze Welt auf den Bildschirm holen, vor den Schränken der Wunderkammer stehen und sich nicht mehr lösen können. Da liegen Unterrichtsmaterialien wie ein chinesischer Seidenschuh neben einer mongolischen Prachthandschrift, die von Peter dem Großen gestiftet wurde und riesigen Walfischknochen. Welche Schule hat heute noch so umfangreiches Anschauungsmaterial? Francke war mit seiner Pädagogik sehr modern.

Die Kulissenbibliothek heißt so, weil die Regale mit den Büchern nicht an den Wänden stehen, sondern in den Raum hinein ragen. Das wirkt wie eine Bühne. Jeder kann sich in der Bibliothek anmelden und sich im Lesesaal die Bücher ansehen. Eine lebendige Bibliothek, seit Anbeginn öffentlich zugänglich. Meine persönlichen Favoriten sind die Register der Waisenkinder. Das ist wie eine Excel-Datei mit über hundertjährigen Daten in Papier.

Gut zu wissen

Franckesche Stiftungen zu Halle, Informationszentrum, Franckeplatz 1, Haus 28, 06110 Halle (Saale), www.francke-halle.de. Öffnungszeiten: Di. – So. und feiertags 10 bis 17 Uhr. Die Wunderkammer befindet sich in Haus 1, die Kulissenbibliothek in Haus 22. Anreise: Haltestelle Franckeplatz, Straßenbahn (Linien 1,3,4,7,8,9).

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Wunderkammer und Kulissenbibliothek in den Franckeschen Stiftungen zu Halle 51.478049, 11.970890 Franckeplatz 1, Haus 1, 06110, Halle (Saale), Deutschland (Routenplaner)