von Gastautor Harald Kegler

Apl. Prof. Dr.-Ing. habil. Harald Kegler forscht und lehrt zu Planungsgeschichte und nachhaltiger Raumplanung an der Universität Kassel:

Es soll »so langsam wie möglich« sein – das Musikstück versah der amerikanische Avantgarde-Künstler John Cage mit dieser außergewöhnlichen Tempoangabe.

Nördlich der Altstadt befindet sich eine kleine Klosterkirche. Hier findet etwas statt, das weltweit einzigartig ist. Das bewog mich, den Ort aufzusuchen – anlässlich eines »Klangwechsels«. Die Kirche war voll. Eine kaum wahrnehmbare Orgel steht im ansonsten leeren Raum. Der ist erfüllt von einem schrillen Klang. Dann der große Moment: der Wechsel eines Tons ist erfolgt. Kein Anschlagen einer Taste, sondern das Ingangsetzen einer neuen Pfeife. Ein riesiger Blasebalg sorgt für den »Orgelwind«. Der Auftakt 2001 währte 17 Monate, in denen man nichts hörte – nur das Rauschen des Blasebalgs! 2003 erklangen dann die ersten Töne. Das hier aufgeführte Stück dauert bis zum Jahr 2640. Was soll das?

1361 erfand der Halberstädter Orgelbauer Nikolaus Faber den Grundtyp einer Orgel, wie sie seitdem weltweit liturgisch genutzt wird. Halberstadt ist also die Wiege der bis heute gebräuchlichen Klaviatur und Struktur einer Orgel. Nun waren ein Ort und ein Anlass gefunden – nach langen Debatten in Kreisen der Orgel- und Cage-Spezialisten. Sie hatten lange gerätselt, wie lange denn »so langsam wie möglich« sein könnte. Etwa bis der Organist tot umfalle oder die Orgel zerbricht? Mit dem Datum der Erfindung der modernen Orgel war das Zeitmaß für die Aufführung gefunden. Wie aber nun dieser Stück aufführen?

Ein symbolischer Zeitpunkt sollte als Eichmaß dienen: der Jahreswechsel 2000/2001, also der Jahrtausendwechsel. Der Tag wurde auf den Geburtstag von Cage, den 5. September, gelegt. Die Firmen Seifert und Hüfken begannen mit dem Bau der Orgel – ein kleines Gerüst mit wenigen Pfeifen genügte erst einmal – der vollständige Ausbau wird wegen Geldmangels noch dauern, soll aber in 250 Jahren erreicht sein.

Es ist das wohl wichtigste Stück der musikalischen Moderne. Nun hat es einen Aufführungsort gefunden. Darin ist eine Friedensbotschaft eingewoben. Es wird Generationen beschäftigen und darüber nachdenken lassen, was gewesen ist und wie die Welt erhalten werden muss, damit das Stück weiter gehört werden kann. Vielleicht wird es fortgeschrieben – nicht nur Cage würde es freuen!

Gut zu wissen

Burchardikirche, Am Kloster 1, 38820 Halberstadt, www.aslsp.org, Tel.: +49(0)3941 621620. Öffnungszeiten: Di. – So. 11 bis 17 Uhr (Apr. – Okt.) und Di. – So. 12 bis 16 Uhr (Nov. – Mrz.). Anreise: Haltestelle Voigtei, Straßenbahn (Linie 2).

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»As SLow aS Possible« – Halberstadt »entschleunigt« mit John Cage 51.900700, 11.039800 Am Kloster 1, 38820 Halberstadt (Routenplaner)