Hunderte bunte Luftballons steigen vom Anger in Erfurt in die Luft. Darunter eine bunte Menge, die in den Himmel schaut. Menschen, die für die Gleichberechtigung aller geschlechtlichen Orientierungen streiten, ob lesbisch, schwul, bi-, trans- oder intersexuell (LSBTI). Es ist August und wieder zieht der Christopher Street Day (CSD) durch die Straßen Erfurts.

Den ersten CSD in Erfurt gab es 1997, um die jährliche Durchführung zu ermöglichen wurde 2012 der Verein »CSD in der Mitte Deutschlands e. V.« gegründet. Zudem gibt es eine Veranstaltungswoche und ein Straßenfest. »Damals waren wir 20 Teilnehmer, 2016 waren es dann schon über 1.000. Der Zulauf zeigt, wie wichtig dieser Tag für die Menschen hier ist«, sagt Tobias Gerdsen. Er ist im Vorstand des Vereins. »Unsere Community wächst jedes Jahr. Wir sind ein politischer Verein. Mit dem CSD in Erfurt wollen wir aufmerksam machen auf die immer noch bestehenden Ungerechtigkeiten und Vorurteile. Wir wollen weg vom Schubladendenken und einfach Mensch sein dürfen, ohne anders behandelt zu werden.«

Nicht ganz so jung wie der CSD in Erfurt ist die Schwulen- und Lesbenbewegung in Thüringen. Homosexualität gab es schon immer, es war jedoch meist gefährlich, sie auch auszuleben, besonders im Mittelalter und in den Zeiten des Nationalsozialismus. Erst ab dem 19. Jahrhundert wurde die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern als Homosexualität bezeichnet. Der ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny verwendete als erster den Begriff und ganz im positiven Sinne: Er plädierte 1869 für die Abschaffung der Strafbarkeit des gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehrs.

Es ist wohl der besonderen Situation in der DDR zuzurechnen, dass ausgerechnet die Kirche das Wachsen der ersten Pflänzchen der Bewegung ermöglichte: 1982 wurde in der evangelischen Studentengemeinde in Leipzig ein Arbeitskreis »Homosexualität« gegründet. Das Lutherjahr 1983 mit seinen sieben Kirchentagen in der DDR unter anderem in Erfurt trug dann zur schnellen Ausbreitung bei.

»Ich wünsche mir, dass wir einen Tag wie den CSD in Erfurt irgendwann nicht mehr benötigen, um Flagge zu zeigen«, sagt Gerdsen. Dass es bis dahin wohl noch ein weiter Weg in Thüringen ist, zeigt die Spannung um den Kontakt mit allen politischen Vertretern: Seit 2015 übernimmt anstatt des Landtags die Staatskanzlei den Empfang des CSD.

Gut zu wissen

Ort des jährlichen Empfangs des CSD: Thüringer Staatskanzlei, Regierungsstraße 73, 99084 Erfurt. Informationen zum CSD: www.csd-mitteldeutschland.de. Das Gebäude wurde 1711-1720 als barockes Palais errichtet. Es ist Sitz des thüringischen Ministerpräsidenten. Anreise: Haltestelle Angerbrunnen, Straßenbahn (Linie 2).

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Tschüss Schubladendenken – der Christopher Street Day in Erfurt 50.974830, 11.029040 Regierungsstraße 73, 99084 Erfurt (Routenplaner)