von Gastautor Heinz Liebermann

Der Autor ist Vorsitzender des regionalen Fördervereins Thüringer Kräutergarten / Olitätenland e.V.:

Der »Thüringer Kräutergarten« ist eine Region im Thüringer Schiefergebirge, die beiderseits des Mittellaufes des Flusses Schwarza liegt. Aufgrund der besonderen geologischen, topografischen und klimatischen Bedingungen gibt es in diesem Gebiet einen großen Artenreichtum an Wald-, Feld- und Wiesenpflanzen, aber auch eine Vielfalt unterschiedlicher mineralischer Stoffe. Diese bildeten die Grundlage für das hier entstandene einzigartige laienpharmazeutische Olitätengewerbe, welches eine deutschlandweit einmalige Tradition hat.

Bereits im Mittelalter nutzten die Bewohner im östlichen Teil des Thüringer Waldes diese reichen Gaben der Natur und deren heilende Wirkung. Ab dem 16. Jahrhundert stellten Laboranten in kleinen Waldlaboratorien auf Grundlage gut gehüteter Herstellungsrezepturen Naturheilmittel, die sogenannten »Olitäten« (Öle, Essenzen, Balsame, Tinkturen oder wohlriechende Wässerchen) und Kräuterliköre her.

Die Herstellung und der Vertrieb dieser Naturheilmittel war vom 17. bis zum 19. Jahrhundert der florierendste Geschäftszweig dieser Region, der auch die Entwicklung einer ganzen Reihe weiterer Gewerbe im Thüringer Wald beförderte – zum Beispiel Bergbau, Waldhandwerke, Glasbläserei, Schachtelmacherei, Papiermühlen oder Druckereien. Die Arzneimitteldörfer in den Fürstentümern Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen wurden zum »Schwarzburger Olitätenland«. Aus diesem führten die »Striche« (Routen) der sogenannten »Buckelapotheker« durch ganz Mitteleuropa.

Ab dem 19. Jahrhundert stand das laienpharmazeutische Olitätengewerbe zunehmend in Konkurrenz zur Pharmaindustrie. Zahlreiche Gesetze schränkten den ambulanten Handel mit Olitäten immer mehr ein, so dass dieses Gewerbe allmählich zum Erliegen kam.

Das lokale Wissen um die Rezepte und Herstellung der Olitäten hat jedoch die Zeiten überdauert. Dafür stehen heute noch verschiedene Hersteller von Heilmitteln und Kräuterlikören im Thüringer Kräutergarten. Das Olitätenmuseum »Beim Giftmischer« – im Haus des vermutlich letzten Olitätenherstellers und Buckelapothekers Oswald Unger – informiert mit historischen Geräten und Einrichtungen über den früheren Herstellungsprozess und den Handel mit den Naturgaben unserer Region.

Gut zu wissen

Kräuter- und Olitätenmuseum »Beim Giftmischer«, Saalfelder Straße 75, 98739 Schmiedefeld am Rennsteig, www.beim-giftmischer.de, Tel. +49 (0)36701 20258. Öffnungszeiten: Mi. – So. 13 bis 17 Uhr. Anreise: Haltestelle Neuschmiedefeld Schule, Regionalbus (Linie 405). Neben diesem Museum gibt es weitere Ausstellungen zur Thematik in Dröbischau, Großbreitenbach, Königsee, Ober- und Unterweißbach, Meura, Meuselbach und Rohrbach.

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Kräuterprodukte auf Wanderschaft – der Thüringer Olitätenhandel 50.534551, 11.216623 Saalfelder Straße 75, 98739 Schmiedefeld am Rennsteig (Routenplaner)