von Gastautorin Doris Weilandt

Die Kunsthistorikerin ist Journalistin, publiziert unter anderem zu Baukunst, moderner Malerei oder auch Schnitzaltären und kuratiert Ausstellungen:

Am Fußweg zur Galerie im Jenaer Stadtteil Lobeda-West sitzt eine weibliche Figur auf einem Steinsockel. Sie ist eine von mehreren Variationen, die der Bildhauer Karl-Heinz Appelt geschaffen hat. Das Geheimnisvolle: In ihrer linken Hand verbirgt sie eine runde Kugel. Der Künstler spielt damit auf den griechischen Jüngling Paris an, der wählen sollte, welche der drei Göttinnen – Hera, Aphrodite und Athene – die schönste sei.

Die Wahl ist auf die Lobedaer »Große Sitzende« gefallen. Die Plastik ist Teil des Gestaltungsprogramms, mit dem die Erbauer von Neulobeda der gleichförmigen Plattenbauweise eine persönliche Note geben wollten. Die Großsiedlung bot moderne Wohnungen für tausende Beschäftigte, die nach Jena kamen, um im VEB Carl Zeiss zu arbeiten. Für unterschiedliche Erlebnisräume im monotonen Raum entwickelten Architekten und Künstler ein emotional aufgeladenes Leitbild. Danach kamen im großen Stil Kunstwerke auf Plätze, in Parkanlagen, Schulen und Kindergärten. Kunst spielt im Stadtteil bis heute eine prägende Rolle.

Der Rundgang beginnt bei der »Großen Sitzenden« am Fußweg zur Galerie. Von hier sind es nur wenige Schritte bis zu weiteren Plastiken. Mit durchgestrecktem Rücken schreitet die »Sportlerin« von Eberhard Reppold über die Wiese. Jeder Muskel des nackten Körpers ist angespannt. Sie vermittelt das Idealbild einer jungen, makellosen Frau. Gleich daneben schuf Hans-Peter Goettsche mit dem »Stehenden Mädchenakt« (siehe Bild) einen Beitrag zum Thema Pubertät. Die Bronzefigur befindet sich im Übergang von Kindheit zum Erwachsenwerden.

In die Ferne blickt »Schreitender II« von Lutz-Claus Gädicke. Er verkörpert einen zweifelnden unsicheren Menschen. Er schreitet nicht aus. Vielmehr steht die männliche Figur mit beiden Beinen fest auf der Erde. Durch die Umstände, die sie bedrücken, will sie sich nicht beugen lassen. Neben den figürlichen Plastiken findet sich auch ein abstraktes Windspiel von Günter Reichardt in der Rabatte. Durch jeden Windstoß bewegen sich die einzelnen Teile in unterschiedlichen Bahnen. Am Schluss des kleinen Rundganges gelangt man zu einem Brunnen in Blumenform, den Dieter Haupt schuf. In keinem Jenaer Stadtteil gibt es so viele Kunstwerke im öffentlichen Raum wie in Lobeda.

Gut zu wissen

Galerie in Jena-Lobeda, Karl-Marx-Allee 28, 07747 Jena. Keine Website – dafür: »… denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit« Kunst im Stadtraum von Jena – Verlag Bussert & Stadeler. Öffnungszeiten: Rundgang zu jeder Zeit möglich. Anreise: Haltestelle Emil-Wölk-Straße, Straßenbahn (Linie 4).

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Jena Lobeda – ein Kunstspaziergang im »Plattenbauquartier« 50.885406, 11.608905 Karl-Marx-Allee 28, 07747 Jena (Routenplaner)