von Gastautorin Dr. Ulrike Kaiser

Ulrike Kaiser leitet das Museum und die Stiftung auf der Leuchtenburg:

Gefühle von Freiheit und unstillbar freudiger Lebenslust dominierten die deutsche Jugend- und Wandervogelbewegung seit 1913. Als Ausbruch aus den Zwängen der vom Kaiserreich dominierten Elterngeneration besannen sich die jungen Menschen auf ursprüngliche und einfache Lebensideale, alte Volkslieder und -tänze und setzten gleichsam neue modische Maßstäbe mit weiten Kleidern, Sandalen und Kniehosen. Geprägt von romantischen Vorstellungen entdeckten sie die Mittelalter- und Burgenromantik für sich. So wurde auch die Leuchtenburg oberhalb Kahlas von tausenden Wanderfreudigen erobert.

1920 entstand hier die erste Jugendherberge Thüringens. Groteskerweise war der neue Ort der jugendlichen Freiheit das alte Torgebäude, welches noch wenige Jahrzehnte zuvor als Kaserne des Leuchtenburger Zuchthauses genutzt wurde. Einer der ersten Gäste war der charismatische Muck Lamberty mit 25 Anhängern seiner »Neuen Schar«. 1921 bezog er auf der Leuchtenburg Winterquartier, nachdem er vorher singend und die »Revolution der Seele« predigend durchs Land gezogen war und eine wahre Tanzeuphorie ausgelöst hatte. Der selbsternannte Messias und seine Anhänger erregten bald Anstoß wegen unsittlichen Verhaltens, denn einige Mädchen seiner Schar bekamen nahezu zeitgleich Kinder von ihm.

Heute können die Gäste auf der Leuchtenburg eine spannende Zeitreise vom Mittelalter bis in die Moderne erleben. Preisgekrönte Ausstellungen und wagemutige Architektur fügen sich gekonnt in die alten Burgmauern ein. Ein wunderbarer Panoramablick vom 400 Meter hohen Lichtenberg aus begeisterte nicht nur ehemals die Wandervögel. Die Leuchtenburg ist damals wie heute in ihrer idyllischen Höhenlage oberhalb des Saaletals ein Anziehungspunkt. An die Zeit der Wandervögel erinnert eine Ausstellung mit großformatigen Fotografien, die entlang des Panoramaweges zu entdecken sind. Gäste können dabei in die naturverliebte Idylle dieser bewegten Jahre eintauchen und dem einen oder anderen wird ein Lächeln entlockt beim Betrachten der im »Adamskostüm« vor der Burg in Morgengymnastik versenkten Jugendlichen.

Seit kurzem bereichern die »Porzellanwelten« und eine Porzellankirche modern die Burganlage – hier können die Besucher sich unter anderem auf den 20 Meter langen Steg der Wünsche wagen, um selbst beschriebenes Wunschporzellan in der Tiefe zerschellen zu lassen.

Gut zu wissen

Leuchtenburg, Dorfstraße 100, 07768 Seitenroda, www.leuchtenburg.de, Tel. +49 (0)36424 713300. Öffnungszeiten: Täglich geöffnet, April bis Oktober 9 bis 19 Uhr, November bis März: 10 bis 17 Uhr. Führungen können vorab telefonisch oder online gebucht werden. Anreise: Haltestelle Seitenroda, Bus (Linien 419, 471).

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Wandervögel auf der Leuchtenburg 50.804140, 11.611890 Dorfstraße 100, 07768 Seitenroda (Routenplaner)