Auf einer Tour entlang des romantischen Ilmtal-Radweges entdeckte ich Niederroßla und Oberroßla. Zwei Thüringer Kleinode abseits der vielbegangenen Lutherpfade, die mich mit ihren Geschichten zur Reformation überrascht haben. Auch wenn Niederroßla nicht direkt auf dem Lutherweg liegt, der Weg dorthin ist nicht weit. Der im Volksmund »Kitzelbach« genannte Ort ist für sein Elefantenfest berühmt, ein Fest, das nur alle 25 Jahre gefeiert wird und an ein skurrile Begegnung des Dorfes 1857 mit einem Elefanten erinnert.

In der rund 1.100 Seelen zählenden Gemeinde wächst auch ein Ast aus dem Familienstammbaum des Reformators Martin Luther. Die wenige Monate ältere Schwester Dorothea, die wie der berühmte Bruder 1483 in Eisleben geboren wurde, heiratete den Niederroßlaer Amtsschreiber Paul Mackenrot. Im Dunkeln der Geschichte liegen die Sterbedaten Dorotheas sowie die Geburtsdaten ihrer Tochter Margarethe. Diese ehelichte den dortigen Amtsschösser (Steuereintreiber) Samuel Kästner. Sein imposanter Dienstsitz, eine Wasserburg aus dem 12. Jahrhundert mit einem 57 Meter hohen Turm, adelt noch heute das Örtchen und liegt unweit der Dorfkirche. Deren dreischiffiger, barocker Bau ist ein Ort der Familiengeschichte. Über der Eingangstür laden die Bibelworte ein: »Bewahre deinen Fuß, wen du zum Hauße Gottes gehest, und kom, daß du hörest.« Im Jahr 1721 geweiht, birgt die Kirche im Inneren eine reiche Ausstattung aus der Entstehungszeit und den Grabstein von Margarethe. Dieser überliefert ihr Sterbedatum, den 6. April 1574.

Ob der berühmte Onkel seiner Nichte je einen Besuch abgestattet hat, können die Historiker nicht mit Gewissheit sagen. Jedenfalls heißt es in einem Brief von 1540, dass er in Oberroßla eine Predigt halten wolle. Der Nachbarort nannte gar seit dem 16. Jahrhundert ein wundertätiges Luther-Bildnis sein eigen, welches im Dreißigjährigen Krieg von plündernden Kroaten aus dem Rahmen geschnitten und bereits im benachbarten Mattstedt wieder verloren ging. An den Schnittstellen sollen sich fortan seltsame, erbsengroße Tropfen gebildet haben, die immer wieder aufs Neue hervortraten. Anfang des 18. Jahrhunderts war diesem sonderbaren Ereignis sogar eine eigene Medaille gewidmet worden. Es sind die kleinen Geschichten und Entdeckungen, die zu meinem persönlichen »Puzzle Luther« beitragen.

Gut zu wissen

Dorfkirche Niederroßla, Apoldaer Straße, 99510 Niederroßla. Niederroßla liegt vier Kilometer vom Lutherweg entfernt, direkt am Ilmtal-Radweg. Die Besichtigung der Kirche kann im benachbarten Pfarrhaus erfragt werden. Anreise: Haltestelle Siedlung, Niederoßla, Bus (Linie 289).

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Niederroßla – Wo Luthers Nichte auf ewig schläft 51.036294, 11.486142 Apoldaer Straße, 99510 Niederroßla (Routenplaner)