von Gastautorin Helga Spath

Die Autorin führt seit vielen Jahren Gäste über den Jenaer Nordfriedhof:

In der Zeit des industriellen Aufschwungs wuchs die Jenaer Bevölkerung rasant an, von 10.000 im Jahre 1880 bis 40.000 um 1920. Die Zahl der Bestattungen erhöhte sich auf etwa 350 im Jahr. Ein neuer Friedhof wurde benötigt. Das Geld dazu kam von der von Ernst Abbe gegründeten Carl-Zeiss-Stiftung. 1889 entstand im Norden der Stadt einer der schönsten Landschaftsfriedhöfe Deutschlands, der die Ideen der Friedhofsreformbewegung in ausgezeichneter Weise umsetzte und seinerzeit von Friedhofsgestaltern aus dem In- und Ausland besucht wurde.

Mit dem Bau des neuen Friedhofs wollte die Stadt auch das bisher von der Kirche dominierte Begräbniswesen in ihre Hände nehmen. In einer neuen Friedhofs- und Bestattungsordnung wurden alle konfessionellen Bestimmungen entfernt. In den folgenden bald 130 Jahren hinterließ jede Gesellschaftsordnung ihre ganz speziellen Spuren auf dem Friedhof. In der Gründerzeit wollte sich das wohlhabende Bürgertum nicht nur durch reich geschmückte Villen sondern durch prächtige Grabmäler mit Grabbauten, schmiedeeisernen Gittern, teuren Grabsteinen aus Marmor oder Granit mit vergoldeten Lettern vom Normalbürger absetzen. In Jena wurden solche vom Volk »Hochmutsalleen« genannten Gestaltungen von vornherein durch eine entsprechende Friedhofssatzung verhindert bzw. in moderate Bahnen gelenkt. Die vor dem Ersten Weltkrieg einsetzende Reformbewegung war bestrebt, die sozialen Unterschiede wenigstens auf dem Friedhof zu nivellieren.

Die zunehmende Bürokratisierung der »städtischen Daseinsfürsorge« führte in den folgenden Jahren zu einem zentimetergenau normierten Standardgrab, das jegliche individuelle Gestaltung vermissen ließ. Die Idee von der Gleichheit der Menschen im Tod passte dann auch in die nationalsozialistische Idee von der Volksgemeinschaft. In der DDR wurden neben den Reihengräbern Urnen-Gemeinschaftsanlagen angeboten: große begrünte Rasenflächen mit oder ohne Namensnennung der Verstorbenen. In den Jahren nach 1990 nahmen sowohl die individuellen Grabgestaltungen wieder zu als auch die Gemeinschaftsgräber, in denen die Toten eines Jahres gemeinsam bestattet werden und Namen sowie Lebensdaten auf einem Grabstein verzeichnet sind. All diese Grabformen sind bei einem Spaziergang über den Nordfriedhof zu erleben und viele bekannte Namen zu entdecken.

Gut zu wissen

Nordfriedhof Jena, Hufelandweg 4, 07743 Jena, ksj.jena.de/friedhof. Friedhofsführungen können angefragt werden bei der Agentur KulTouren, Tel. +49 (0)3641 443297, Mail an spath.helga@gmail.com. Anreise: Haltestelle Nordschule, Straßenbahn (Linien 1, 4).

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Jede Gesellschaft hinterlässt ihre Spuren – der Nordfriedhof in Jena 50.942935, 11.587868 Hufelandweg 4, 07743 Jena (Routenplaner)