Nordhausen, die nördlichste Enklave des Freistaates ist weit weniger thüringisch als andere Städte im Land. Sie war lange Zeit ihres Bestehens, von 1220 bis 1802 freie Reichstadt. Das Zeichen für diese Unabhängigkeit ist unser Roland.

Im April 1945 fiel Nordhausen in Staub und Asche, tausende Menschen starben und fast alles wurde zerstört. Das Rathaus brannte bis auf seine Umfassungsmauern nieder, nur der Roland nahm kaum Schaden, er stand an seiner angestammten Ecke außen am Rathaus. Was für ein Zeichen!

Dieser alte Herr war 1992 schon stattliche 275 Jahre alt, als er geklont wurde, um sich in seiner Schönheit auch den nachfolgenden Generationen zeigen zu können. Heute steht Roland der Ältere im Eingang des Neuen Rathauses, Roland der Jüngere bewacht das Alte Rathaus unter einem Baldachin.

Als Kind habe ich oft vor meinem Roland (dem Älteren) gestanden. Später als Frau dann vor dem Jüngeren. Manchmal allein und verträumt, aber auch gemeinsam mit Besuchern, denen ich mit Stolz unseren Roland zeige. Bis heute ist er als Bildhintergrund, auch für die Einheimischen, nicht wegzudenken. Bei Vereinsfeieren und Klassentreffen und natürlich bei Hochzeiten. Es gibt wohl kein Brautpaar, das im Nordhäuser Rathaus den Bund fürs Leben schließt und nicht im Anschluss vor dem jungen Roland posiert.

Mit seinem purpurroten Mantel und der goldenen Krone erscheint er farbenfroher als sein älteres Ebenbild. Wenn die Türe gegenüber im Neuen Rathaus einmal offen steht, dann halten die beiden Herren vielleicht einen Schwatz miteinander und tauschen das eine oder andere Gerücht über ihre Stadt aus.

Einmal im Jahr wird der Roland sogar lebendig. Dann steigt er von seinem Thron und feiert gemeinsam mit der Brockenhexe, Professor Zwanziger und dem Alten Ebersberg sowie natürlich den Nordhäusern und ihren Gästen das Rolandsfest. Vom Oberbürgermeister höchstpersönlich erhält der »Mensch Roland« die Schlüssel der Stadt, die er von Freitag bis Sonntag mit Jubel und Trubel regiert. Wenn wieder Ruhe einkehrt, klettert er zurück unter seinen Baldachin, erhebt sein Schwert, lächelt etwas verschmitzt über das erlebte bunte Treiben in der Stadt und verwandelt sich wieder in unseren Roland.

1955 fand die Verwandlung aus Holz in Fleisch und Blut das erste Mal statt. Mein Mann erinnert sich gern an Erzählungen darüber im Familienkreis, denn er ist der Enkelsohn des ersten menschgewordenen Nordhäuser Roland.

Gut zu wissen

Roland am Rathaus, Markt 1, 99734 Nordhausen, www.nordhausen.de. Das Rolandfest mit Festmeile, Umzug, Musik- und Theaterveranstaltungen findet jedes Jahr an einem Wochenende im Juni in der Innenstadt statt. Anreise: Bahnhof Nordhausen (Regional- und Fernverkehr) Fußweg ins Zentrum 10 Minuten.

 

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Zwei oder Drei sind besser als Einer – der geklonte Nordhäuser Roland 51.501940, 10.794300 Markt 1, 99734, Nordhausen (Routenplaner)