Als ich aus dem Auto steige, erblicke ich weder uriges Grün noch spüre ich den Hauch des Mystischen. Meine Freunde Roland und Andrea wollen mir heute den Duisburger Stadtwald und seine Geheimnisse zeigen. Ich kann gar nicht glauben, dass es hier ungestörte Natur geben soll – falsch gedacht. Denn kaum haben wir die Autobahn unterquert, stehen wir im Wald. Die Motorengeräusche verklingen und machen Platz für Vogelgezwitscher.

Vor uns verläuft schnurgerade ein scheinbar endloser Weg zwischen hochgewachsenen Buchen. Diesem folgen wir etwa einen Kilometer, bis der Weg in einem weiten Bogen nach rechts abbiegt. Kurz darauf verschwindet Roland nach links auf einem schmalen gewundenen Pfad, der uns zu unserem ersten Ziel führt: dem Heiligen Brunnen. Aus einem Loch in einer gemauerten Steinwand, die rechts und links von mehreren Stufen flankiert wird, plätschert ein klares Bächlein hervor.

Es handelt sich um eine echte Quelle, erklärt Roland und hockt sich neben die Austrittsöffnung. Darüber steht in Stein gemeißelt: Kein Trinkwasser. Mein Freund erfrischt sich dennoch mit einem großen Schluck. Die angeblich heilende Wirkung dieses Wassers sei legendär, klärt er mich mit einem Augenzwinkern auf. Bereits vor 3.000 Jahren wurde hier möglicherweise eine Quellgottheit verehrt – ein als Opfergabe dargebrachtes Bronzebeil vom Heiligen Brunnen ist heute im Kultur- und Stadthistorischen Museum zu sehen. Und im 16. Jahrhundert soll das Quellwasser von der Pest geheilt haben. Erst die Nazis aber fassten die Quelle in ihre heutige steinerne Form. Die Geschichten über eine heidnische Kultstätte an diesem Ort ließen sich gut für ihre Germanenpropaganda instrumentalisieren. Obwohl ich kein Wasser probiert habe, spüre ich plötzlich einen bitteren Geschmack auf der Zunge.

Wir verlassen den Heiligen Brunnen und erreichen bereits nach wenigen 100 Metern unsere zweite Station: Es riecht nach Tier und ich sehe ein Kind verzückt vor einem Gehege stehen. Wildschweine! Das Gehege wurde vor ein paar Jahren vom Förster eingerichtet, erzählt Andrea und krault ein Vieh hinter den borstigen Ohren. Damals trieben zwei halbzahme Wildschweine ihr Unwesen im Wald, „Schnitzel“ und „Blümchen“. Sie bekamen hier ein neues Zuhause und seitdem gibt es regelmäßig Nachwuchs. Und siehe da, unter einem Baumstamm kommen sechs gestreifte Fellknäuel angewackelt, die mächtige Mutter hinterher. Dieser Wald ist doch für einige Überraschungen gut!

Gut zu wissen

Duisburger Stadtwald, Laufzeit bis Brunnen und Wildschweingehege ca. 15 Min. Startpunkt Kammerstraße, 47057 Duisburg. Anreise: Duisburg Lenaustraße, Bus (Linie 933) oder Duisburg Brucknerstraße, Bus (Linie 924). Parkmöglichkeit Kammerstraße zwischen dem Sportverein TURA 88 und der Kleingartenanlage Waldfrieden.

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Heiliges Quellwasser und zahmes Borstenvieh – ein Spaziergang durch den Duisburger Stadtwald 51.421878, 6.807404 Kammerstraße, Duisburg, Deutschland (Routenplaner)