von Gastautorin Prof. Dr. Marion Ruisinger

Prof. Dr. Marion Ruisinger ist Ärztin, Medizinhistorikerin und Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt:

Rund 90 Jahre bevor Mary Shelley sich die Geschichte des Medizinstudenten Frankenstein und seiner namenlos gebliebenen Kreatur ausdachte, wurde in Ingolstadt der Grundstein für ein spektakuläres Bauwerk gelegt: Hier entstand ein Neubau für die Anatomie – und zwar der erste im deutschen Sprachraum! Heute befindet sich in dem barocken Gebäude das Deutsche Medizinhistorische Museum mit seinem Arzneipflanzengarten.

Im Jahr 1735 wurde die Sektionstätigkeit in dem Neubau aufgenommen. Von nun an lernten die zukünftigen Ärzte Bayerns und seiner (katholischen) Nachbarländer hier den Bau des faszinierenden menschlichen Körpers kennen. Der größte, hellste und schönste Raum war dieser Aufgabe gewidmet. Immer zu Beginn der kalten Jahreszeit wurde der Seziertisch aufgestellt. Um ihn herum errichtete man ein steil aufsteigendes Holzgerüst aus schwarz gestrichenem Fichtenholz. Hier standen die Studenten dicht gedrängt, um dem Anatomieprofessor bei der Eröffnung und Zergliederung des Leichnams zuzusehen.

Doch woher kamen die Leichen? Anders als bei Victor Frankenstein, der das »Material« für sein geheim gehaltenes Treiben heimlich besorgen musste, war das an allen Universitäten durch Verordnungen geregelt: Die Leichen der Hingerichteten und Selbstmörder, mancherorts auch verstorbene uneheliche Kinder, mussten der Anatomie übergeben werden. Später kamen die Toten hinzu, deren Hinterbliebene sich die Beerdigung nicht leisten konnten. Doch diese Bestimmungen genügten nicht, um den Leichenbedarf der Anatomen zu stillen – ganz abgesehen davon, dass sie nicht immer eingehalten wurden. In den Archiven finden sich zahllose Briefe, in denen sich Anatomen bei ihren Landesherren über die unzureichende Bereitstellung von Leichen beklagen.

In Ingolstadt war die Lage ein wenig entspannter, denn hier gab es eine weitere Leichenquelle: die Garnison. Wenn ein Soldat in Ingolstadt starb, wurde sein Leichnam zuerst in die Anatomie gebracht, bevor er auf dem Friedhof beigesetzt wurde. Darauf wurde nur bei Todesfällen in der heißen Jahreszeit verzichtet. Dagegen blieben Leichen, die zu Beginn des Winterhalbjahres eingeliefert wurden, manchmal mehrere Monate in der Anatomie, bevor man sie an die Kirche zur Beisetzung übergab.

Gut zu wissen

Deutsches Medizinhistorisches Museum mit Café »hortus medicus«, Anatomiestraße 18-20, 85049 Ingolstadt, www.dmm-ingolstadt.de, Tel. +49 (0)841 3052860. Öffnungszeiten: Di. – So. von 10 bis 17 Uhr. Anreise: vom Hauptbahnhof mit dem Bus bis Haltestelle Rathausplatz (Linien 10, 11), von dort 5 Min. zu Fuß.

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Woher nehmen und nicht stehlen? Die Leichen der Ingolstädter Anatomie 48.761497, 11.421381 Foto: Marcus Ebener[/caption]Anatomiestraße 18-20, 85049 Ingolstadt (Routenplaner)