Bislang sorgte die Eisenbahnstraße im Stadtteil Volkmarsdorf einzig für Negativschlagzeilen: Bandenkriminalität, Drogen und Gewalt. Höhepunkt der Berichte über das strafbare Treiben war im Jahr 2013 die Dokumentation eines Privatsenders, die der Eisenbahnstraße das Prädikat der »schlimmsten Straße Deutschlands« verlieh.

Keine Frage, bei dieser Darstellung handelte es sich um die sensationslüsterne Übertreibung eines Boulevardmediums. Denn als Anwohner der Eisenbahnstraße habe ich von den angeblichen kriminellen Exzessen stets nur aus der Zeitung erfahren. Im Gegenteil: Das südländisch-lebendige Flair, die vielfältig-bunten Auslagen der Gemüsehändler mit ihrem umfangreichen Angebot an internationalen Lebensmitteln, die höchste Dichte an Dönerläden und Friseuren in ganz Leipzig und der abendliche Ruf des Muezzins aus der Moschee in meinem Hinterhof zu Ramadan lassen hin und wieder Fernweh aufkommen – ein Hauch von Nahost im Leipziger Osten.

Aber natürlich: Der Eisenbahnstraßenkiez ist nach wie vor ein raues Pflaster und auf der Straße schaut man dem sozialen Elend tagtäglich in die müden, von Alkohol, Drogen und Schicksalsschlägen gezeichneten Gesichter.
Wie der Leipziger Osten im Allgemeinen, so lebt auch der Kiez um die Eisenbahnstraße derzeit auf: Günstige Mieten locken Studenten-WGs in die meist stuckverzierten Gründerzeithäuser, leerstehende Immobilien beherbergen Hausprojekte und nicht immer ganz legale Partyschuppen. Eigentümer rüsten ihre Häuser auf: Als ich aus meinem Sommerurlaub heimkehrte, stellte ich zu meiner Verwunderung fest, dass unser Nachbarhaus plötzlich Balkone hatte. Gelegentlich vernimmt man in Bezug auf die aktuelle Entwicklung in Volkmarsdorf das Reizwort »Gentrifizierung«. Klar ist, dass dieser Stadtteil schon in zehn Jahren ein anderer sein wird als noch heute.

Zu ihrem Namen kam die Eisenbahnstraße übrigens, da sie den Verlauf der 1837 in Betrieb genommenen ersten deutschen Fernbahnstrecke Leipzig–Dresden bildete, ehe der Schienenstrang 1879 einige hundert Meter gen Norden auf seine heutige Trasse verlegt wurde. Ebenfalls wissenswert: Zu Zeiten der DDR war die Eisenbahnstraße nach dem Kommunist Ernst Thälmann benannt und bekannt als bedeutende Geschäfts- und Einkaufsstraße. Die erwogene Umwidmung zur Fußgängerzone scheiterte jedoch.

Gut zu wissen

Eisenbahnstraße, 04315 Leipzig. Anreise: Haltestelle Hermann-Liebmann/Eisenbahnstraße mit der Straßenbahn (Linien 1 und 3 ab Hauptbahnhof, sowie Linie 8 ab Augustusplatz). Zwei Minuten zu Fuß weiter in Fahrtrichtung gibt es im Ikram Ocakbasi (Eisenbahnstraße 90) den besten der unzähligen Döner.

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Schlimmste Straße Deutschlands? Die Eisenbahnstraße im Leipziger Osten 51.345730, 12.405800 Eisenbahnstraße 79, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)